Nord Stream – die Logik der Indizien

  • Vom Segelboot Andromeda zur entscheidenden Frage: Wer gab den Auftrag?

    Die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines gehört zu den folgenschwersten und zugleich umstrittensten Ereignissen der europäischen Energiegeschichte.

    Bis heute wird darüber diskutiert, wer die Pipelines zerstörte. Im Mittelpunkt der deutschen Ermittlungen stehen inzwischen ukrainische Staatsangehörige, die nach Auffassung der Ermittler an der Operation beteiligt gewesen sein sollen.


    Doch selbst wenn diese Personen tatsächlich an der Durchführung beteiligt waren, beantwortet das noch nicht die entscheidende Frage:


    Wer hat die Operation geplant, ermöglicht, finanziert und gegebenenfalls beauftragt?

    Um diese Frage sinnvoll zu untersuchen, muss man die bekannten Tatsachen miteinander verknüpfen,
    ohne dabei aus einer Indizienfolge vorschnell eine Beweiskette zu machen.

    1. Nord Stream war politisch hoch umstritten

    Nord Stream 2 sollte Russland direkt mit Deutschland verbinden.

    Die Vereinigten Staaten lehnten das Projekt seit Jahren entschieden ab. Washington sah darin eine zunehmende europäische Abhängigkeit von russischem Gas und eine Stärkung des russischen Einflusses in Europa. Gleichzeitig, und das wird allzu oft vergessen, auch eine Stärkung Europas durch kostengünstige Energie.


    Am 7. Februar 2022 sagte US-Präsident Joe Biden gemeinsam mit Bundeskanzler Olaf Scholz:

    "There will be no longer a Nord Stream 2. We will bring an end to it."


    Auf die Frage, wie die USA das erreichen würden, antwortete Biden:

    "I promise you, we'll be able to do it."


    Das ist eine belegte Aussage.

    Rückschluss: Die US-Regierung hatte ein klares politisches Interesse daran, dass Nord Stream 2 nicht in Betrieb geht.

    Was daraus nicht folgt: Biden kündigte nicht ausdrücklich eine Sprengung an.
    Seine Aussage beweist daher keine spätere Sabotage, schließt sie aber auch nicht aus!

    2. Die politische Situation änderte sich – die physische Infrastruktur blieb

    Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde Nord Stream 2 politisch gestoppt.

    Damit war das Projekt zwar stillgelegt, aber die Pipeline existierte weiterhin.

    Die Nord-Stream-Leitungen stellten damit grundsätzlich weiterhin eine Infrastruktur dar,
    die unter veränderten politischen Bedingungen hätte genutzt werden können.


    Am 26. September 2022 wurden mehrere Leitungen durch Explosionen schwer beschädigt.

    Rückschluss: Aus einer politischen Stilllegung wurde eine physische, weitgehend irreversible
    Ausschaltung. Das ist rein strategisch gesehen, ein wesentlich anderes Ergebnis.

    3. Wem nützte dieser Zustand?

    Hier beginnt das klassische "Follow the Money", auch das ich schon mehrfach hingewiesen hatte.

    Europa verlor eine wichtige Möglichkeit, russisches Pipelinegas direkt über Nord Stream zu beziehen.

    Damit entstand ein größerer Bedarf an alternativen Energiequellen.

    Und nun gewann LNG als angebotene Alternative stark an Bedeutung.


    Und die Vereinigten Staaten gehören zu den weltweit bedeutendsten LNG-Produzenten und Exporteuren.

    Die amerikanischen LNG-Lieferungen nach Europa stiegen nach Beginn des Krieges massivst!


    Rückschluss: Amerikanische Energieunternehmen profitierten enorm von der grundlegenden Verschiebung des europäischen Gasmarktes.

    Aber: Auch Wirtschaftlicher Nutzen beweist keine Beteiligung oder gar Ausführung an der Sabotage, es schließt sie aber auch nicht aus
    Ein Unternehmen kann Gewinner eines Ereignisses sein, ohne dessen direkter Verursacher zu sein.


    Deshalb muss die Untersuchung weitergehen.

    4. Follow the Capability

    Wer konnte eine solche Operation überhaupt durchführen?

    Die Pipelines liegen in erheblicher Wassertiefe von rund 90 Meter. Die Durchführung einer gezielten Sprengung dort erfordert Fähigkeiten, die weit über ein normales Sporttauchen hinausgehen.


    Nun kommt ein zeitlich auffälliger Umstand hinzu:

    Vom 5. bis 17. Juni 2022 fand BALTOPS 22 in der Ostsee statt.

    Die Übung wurde von den US Naval Forces Europe-Africa geführt und umfasste rund 7.000 Teilnehmer sowie zahlreiche Schiffe und Flugzeuge.

    Offiziell trainiert wurden unter anderem:

    • Minenabwehr,
    • Explosive Ordnance Disposal,
    • Tauchoperationen,
    • Unterwasserfahrzeuge,
    • Unterwassernavigation.

    Die US Navy dokumentierte darüber hinaus ausdrücklich Experimente mit unbemannten Unterwasserfahrzeugen vor Bornholm. (navy.mil)


    Rückschluss:
    US-amerikanische und verbündete Streitkräfte verfügten kurz vor der späteren Sabotage im späteren Tatgebiet nachweislich über umfangreiche Unterwasserfähigkeiten und waren dort operativ präsent.


    Was daraus nicht zwingend folgt: BALTOPS war eine reguläre internationale Marineübung. Ihre Existenz beweist nicht, dass sie zur Vorbereitung der Sabotage missbraucht wurde. Sie schließt sie aber auch nicht zwingend aus. Aber sie ist bei der Frage nach Fähigkeit und Gelegenheit ein relevantes Indiz. Die Frage muss sich jeder selbst beantworten.

    5. Die Tiefe verändert die technische Frage völlig

    Die Nord-Stream-Leitungen lagen im Bereich von ungefähr 90 Metern Tiefe.

    Ein Taucher kann solche Tiefen grundsätzlich erreichen. Aber keinesfalls ohne
    die technischen und gesundheitlich notwendigen Hilfsmittel.


    Eine komplexe Arbeit in dieser Tiefe ist etwas anderes als ein kurzer Abstieg.

    Relevant und zwingend notwendig werden:


    Atemgas

    Dekompressionsprofil

    Aufenthaltsdauer

    Arbeitszeit am Meeresboden

    Unterwasserkommunikation

    Navigation

    Transport und Platzierung der Ladungen

    Sicherheits- und Rettungsmaßnahmen


    Damit wird die Frage nach einer komplexen Ausrüstung entscheidend.

    6. Die "Andromeda" ein relativ kleines Segelboot ( siehe Bild )

    Die deutsche Ermittlungsbehörde rekonstruiert einen Teil der Operation über die Segelyacht Andromeda und ukrainische Tatverdächtige.

    Die Yacht ist dabei zu einem zentralen Bestandteil der öffentlichen Erzählung geworden.


    Doch hier muss man eine entscheidende Unterscheidung treffen:

    Die Frage lautet nicht, ob die Andromeda irgendeine Rolle gespielt haben kann.
    Die Frage lautet, ob sie die gesamte Operation erklären kann.


    Denn eine Segelyacht ist keine speziell ausgestattete Offshore-Tauchplattform.

    Insbesondere muss erklärt werden, wie bei den behaupteten tiefen und längeren Tauchgängen die notwendige Dekompression organisiert wurde.


    Eine Dekompressionskammer befand sich nach den öffentlich bekannten Angaben nicht an Bord der Andromeda,
    denn diese wäre nicht in dem kleinen Boot transportabel gewesen.

    Das macht für mich einen entscheidenden Unterschied. Es bedeutet nicht automatisch, dass die Operation unmöglich war.


    Aber es bedeutet:

    Wenn die Andromeda die vollständige Operationsplattform gewesen sein soll, muss die gesamte Tauch- und Dekompressionslogistik nachvollziehbar erklärt werden. Ist das möglich?


    Und genau hier beginnt eine wichtige Prüfspur.

    7. Der entscheidende logische Schritt

    Nehmen wir an, die mutmaßlichen ukrainischen Beteiligten waren tatsächlich diejenigen, die die Sprengladungen unmittelbar anbrachten.

    Dann folgt daraus zunächst nur:


    Sie waren möglicherweise Ausführende.

    Daraus folgt nicht automatisch:

    Sie planten die gesamte Operation.

    Und erst recht folgt daraus nicht:

    Sie handelten ohne übergeordnete Unterstützung.

    Bei einem Auftragsdelikt würde man selbstverständlich zwischen

    Auftraggeber und Ausführenden unterscheiden.


    Deshalb lautet die entscheidende Frage:

    Wer stellte den Ausführenden die erforderlichen Fähigkeiten, Informationen, Ausrüstung, Finanzierung und Logistik zur Verfügung?

    8. Die Indizien werden erst gemeinsam interessant

    Einzelne Punkte sind jeweils mehrdeutig.


    BIDEN: Interesse – ja. Beweis für Sabotage – nein. Ausschluss der Sabotage - nein!

    BALTOPS: Fähigkeit und Präsenz – ja. Beweis für Vorbereitung – nein. Ausschluss - nein!

    US-LNG: wirtschaftlicher Nutzen – ja. Beweis für Auftraggeberschaft – nein. Ausschluss - nein.

    Andromeda: konkrete Ermittlungsansätze – ja. Beweis für die vollständige Operationsgeschichte – noch nicht.


    Aber eine Indizienkette funktioniert nach meinem Ermessen dadurch, dass unterschiedliche Ebenen zusammengeführt werden.

    Damit entsteht nach meinem Dafürhalten folgende Struktur:


    politisches Interesse

    öffentliche Ankündigung

    militärische Fähigkeit

    operative Präsenz im relevanten Seegebiet

    Unterwasserkompetenz

    Zerstörung der Pipeline

    dauerhafte Ausschaltung russischer Energieinfrastruktur

    Veränderung des europäischen Energiemarktes

    wirtschaftlicher und geopolitischer Nutzen für alternative Lieferanten und die USA

    gleichzeitig Identifizierung mutmaßlicher unmittelbarer ukrainischer Ausführender

    offene Frage nach Auftraggeber und übergeordneter Logistik

    ---------- bis heute - Verwässerung der gesamten Thematik!

    9. Aber wo endet die Beweiskette?

    Hier liegt für mich der entscheidende Punkt.


    Die heutigen öffentlich zugänglichen Informationen ergeben keinen gerichtsfesten Nachweis,
    dass die Vereinigten Staaten den Auftrag zur Sprengung erteilten.


    Es fehlt das direkte Glied:

    US-Stelle → Auftrag → Finanzierung/Unterstützung → konkrete Operation

    Genau dieses Glied müsste gefunden werden.


    Deshalb wäre es wissenschaftlich und juristisch falsch, aus der Indizienkette einfach die Feststellung

    "Die USA waren es.“ zu machen. Aber genau das ist meiner Meinung nach das Debakel, es schließt
    es ebenso aber auch nicht aus!


    Aber es wäre ebenso falsch, die US-Hypothese allein deshalb als absurd abzutun.
    Denn eine seriöse Untersuchung muss alle plausiblen Auftraggeber nach denselben Kriterien prüfen:

    Motiv

    Fähigkeit

    Gelegenheit

    Vorwissen

    Logistik

    Finanzierung

    Verbindung zu den Ausführenden

    Nutzen nach der Tat

    10. Die entscheidende Frage ist nicht mehr der Taucher

    Damit verändert sich die Perspektive. Die Diskussion darüber, ob ein bestimmter Taucher von einem bestimmten Segelboot aus eine bestimmte Sprengladung angebracht haben kann, ist interessant.

    Aber sie ist möglicherweise nur die unterste Ebene des Problems.


    Die entscheidende Fragenkette lautet:

    • Wer konnte eine solche Operation ermöglichen?
    • Wer konnte die notwendige Unterwasseraufklärung durchführen?
    • Wer konnte die geeignete Ausrüstung bereitstellen?
    • Wer konnte die Logistik absichern?
    • Wer konnte Schiffsbewegungen und Überwachung berücksichtigen?
    • Wer konnte die Operation koordinieren?
    • Und wer hatte anschließend den größten strategischen Nutzen?

    Das führt nach meinem Eindruck zurück zum Ausgangspunkt:

    Follow the Money.

    • Aber nicht nur dem Geld folgen.
    • Follow the Capability.
    • Follow the Opportunity.
    • Follow the Logistics.
    • Follow the Chain of Command.

    Schlussgedanke:

    Die Nord-Stream-Sabotage lässt sich nicht seriös durch ein einzelnes Indiz erklären.

    Weder die Biden-Aussage allein.

    Noch die BALTOPS-Übung.

    Noch die US-LNG-Gewinne.

    Noch die Andromeda.

    Noch die ukrainischen Tatverdächtigen.

    Entscheidend ist die Gesamtheit der Zusammenhänge.


    Und genau diese Gesamtheit führt zu einer Frage, die bislang nicht vollständig beantwortet ist:


    Wer gab den Auftrag?


    Vielleicht waren die Personen, die die deutschen Ermittler verfolgen, tatsächlich an der unmittelbaren Durchführung beteiligt.

    Das schließt jedoch nicht aus, dass hinter ihnen eine weitere Ebene existierte.

    Vielleicht erklärt die Andromeda einen Teil der Operation.

    Vielleicht gab es zusätzliche logistische Unterstützung.

    Vielleicht gibt es eine völlig andere Erklärung.

    Das muss anhand von Beweisen geklärt werden.


    Aber eine Sache sollte bei der Untersuchung eines Ereignisses dieser Größenordnung selbstverständlich sein:

    Man darf nicht bei den mutmaßlichen Ausführenden stehen bleiben.

    Man muss immer der gesamten Kette folgen.

    Denn bei einem Auftragsdelikt ist derjenige, der die Tat ausführt, nicht notwendigerweise derjenige, der sie wollte.

    Und deshalb lautet die entscheidende Frage bei Nord Stream nicht:


    "Wer war der Taucher?“
    Sondern:

    "Wer hatte das Motiv, die Fähigkeit, die Gelegenheit, die Macht, den Vorteil davon den Auftrag zu erteilen?“

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