Liebe Freunde,
Man kann den Ukraine-Krieg auf eine einfache Geschichte reduzieren, und zwar, Russland hat die Ukraine überfallen, Russland ist der Aggressor, der Westen unterstützt die Ukraine, also muss der Westen dafür sorgen, dass Russland diesen Krieg nicht gewinnt. So einfach ist es. Und so unvollständig ist diese Geschichte.
Jeder Krieg hat eine Vorgeschichte. Deshalb halte ich es für falsch, den Ukraine-Krieg erst am 24. Februar 2022 beginnen zu lassen. Natürlich hat Russland damals die Ukraine großflächig angegriffen. Das war eine Entscheidung des Kremls, und dafür trägt Russland die Verantwortung. Aber die Vorgeschichte beginnt früher.
Nach dem Ende des Kalten Krieges rückte die NATO immer weiter nach Osten. Für die Staaten, die ihr beitraten, war das eine souveräne Entscheidung und ein Schutz vor Russland. Aus russischer Sicht war es die Ausweitung eines westlichen Militärbündnisses bis an die eigenen Grenzen. Man kann diese russische Wahrnehmung ablehnen und den russischen Angriff verurteilen. Aber man kann nicht so tun, als hätte diese Entwicklung für die russische Sicherheits- und Machtpolitik keine Bedeutung gehabt.
Auch für die amerikanische Geopolitik war die Ukraine schon lange von Bedeutung. Zbigniew Brzezinski beschrieb sie in den neunziger Jahren als wichtigen Faktor für die Frage, ob Russland wieder zu einer bedeutenden eurasischen Großmacht werden könnte. Daraus folgt nicht, dass Brzezinski den späteren Krieg geplant hätte. Aber es zeigt, welchen strategischen Stellenwert die Ukraine für Washington schon lange besaß.
Großmächte handeln nach Interessen. Amerika tut es, China tut es, Russland tut es. Die entscheidende Frage ist deshalb, ob Europa seine eigenen Interessen kennt oder zunehmend die Interessen seiner Verbündeten übernimmt.
Denn die geografische Lage ist eindeutig: Amerika liegt auf der anderen Seite des Atlantiks, Russland vor unserer Haustür und China auf der anderen Seite der Welt. Für Europa ist Russland eine unmittelbare Sicherheitsfrage. Für die Vereinigten Staaten wird dagegen China zur entscheidenden strategischen Herausforderung.
China besitzt die wirtschaftliche und industrielle Basis und zunehmend auch die technologische und militärische Fähigkeit, die amerikanische Vormachtstellung herauszufordern. Washington muss deshalb seine Kräfte und Aufmerksamkeit stärker auf den Indopazifik richten. Gleichzeitig erwartet Amerika seit Jahren, dass Europa mehr für seine eigene Verteidigung tut. Diese Entwicklung ist inzwischen deutlich zu erkennen: Europa rüstet auf, übernimmt mehr Verantwortung für seine Sicherheit und trägt einen größeren Teil der Kosten.
Das ist zunächst nachvollziehbar. Europa hat sich zu lange auf den amerikanischen Schutz verlassen, und gerade Deutschland hat seine Verteidigungsfähigkeit über Jahre vernachlässigt. Aber strategisch bedeutet diese Entwicklung auch etwas anderes, und zwar, je mehr Europa die Verantwortung für die Sicherheit Europas selbst übernimmt, desto mehr kann sich Washington auf China konzentrieren.
Das ist keine Verschwörung. Es ist Interessenpolitik.
Auch die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten muss man nüchtern betrachten. Amerika ist weder pleite noch wirtschaftlich am Ende. Die USA verfügen weiterhin über enorme wirtschaftliche, technologische und militärische Macht, und der Dollar ist die wichtigste Reservewährung der Welt. Gleichzeitig wachsen Staatsverschuldung, Haushaltsdefizite und Zinslasten. Eine globale Militärpräsenz, die Modernisierung der Streitkräfte und der Wettbewerb mit China kosten enorme Summen. Für Washington ist es daher durchaus sinnvoll, wenn Europa einen größeren Teil seiner eigenen Sicherheitskosten übernimmt.
Die Frage ist nicht, ob Amerika amerikanische Interessen verfolgt. Natürlich tut es das. Die Frage ist, ob Europa seine Interessen genauso konsequent verfolgt.
Der Ukraine-Krieg ist längst mehr als ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Das bedeutet nicht, dass die Ukraine keine eigenen Interessen hätte. Im Gegenteil, die Ukrainer kämpfen um ihr Land, ihre staatliche Existenz und ihre Zukunft. Aber auf ukrainischem Boden treffen inzwischen auch die Interessen größerer Mächte aufeinander.
Russland versucht, seine Stellung als Großmacht und seinen Einfluss in seinem unmittelbaren Umfeld zu behaupten. Der Westen unterstützt die Ukraine und versucht gleichzeitig, Russlands militärische Möglichkeiten zu begrenzen. Die Vereinigten Staaten stärken die europäische Sicherheitsordnung und drängen Europa zugleich zu größerer Eigenverantwortung.
Deshalb kann man über den Begriff Stellvertreterkrieg diskutieren, ohne die Ukraine zur Marionette Washingtons zu erklären. Sie ist es nicht. Aber ebenso wenig lässt sich bestreiten, dass die Vereinigten Staaten eigene strategische Interessen verfolgen. Russland wird militärisch gebunden, die NATO ist enger zusammengerückt, Europa erhöht seine Verteidigungsausgaben und übernimmt mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit. Gleichzeitig kann Washington seine strategische Aufmerksamkeit stärker auf China richten.
Ob das von Anfang an so geplant war, ist eine andere Frage. Dafür braucht es keine Verschwörungstheorie. Es reicht, die Interessenlage zu betrachten.
Genau hier liegt mein eigentliches Unbehagen. Europa übernimmt zunehmend die Kosten und Risiken eines Konflikts, dessen Auswirkungen wir unmittelbar zu tragen haben, während sich der strategische Schwerpunkt der Vereinigten Staaten immer stärker nach Asien verschiebt. Wir schauen nach Osten, während Washington nach China schaut.
Das bedeutet nicht, dass Europa Russland nachgeben oder die Ukraine im Stich lassen sollte. Und es bedeutet auch nicht, dass Europa Amerika den Rücken kehren sollte. Amerika bleibt ein wichtiger Partner. Aber ein Partner ist kein Vormund.
Europa muss deshalb seine eigene strategische Perspektive entwickeln. Dazu gehört, Russland als Macht ernst zu nehmen, ohne russische Politik gutzuheißen. Es gehört dazu, China als Konkurrenten zu verstehen, ohne automatisch jeden amerikanisch-chinesischen Konflikt zum europäischen Konflikt zu machen. Und es gehört dazu, die eigenen Sicherheitsinteressen nicht mit denen Washingtons gleichzusetzen.
Gerade Deutschland sollte wissen, wie gefährlich es ist, wenn Großmachtkonflikte auf europäischem Boden eskalieren. Die Lehre aus der Geschichte kann nicht darin bestehen, jeden Konflikt ausschließlich militärisch zu denken oder jede Diplomatie als Schwäche abzutun. Man kann einen Angriff verurteilen und trotzdem nach politischen Lösungen suchen. Man kann sich verteidigen und gleichzeitig die Interessen des Gegners verstehen. Diplomatie ist keine Kapitulation.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche europäische Aufgabe. Nicht zwischen Amerika und Russland zu wählen und auch nicht zwischen Amerika und China. Sondern endlich zu klären, was Europa selbst will.
Denn Großmachtpolitik verschwindet nicht, nur weil wir sie moralisch ablehnen. Amerika verfolgt amerikanische Interessen, China chinesische und Russland russische. Das ist Realität. Die entscheidende Frage ist, ob Europa irgendwann seine eigenen Interessen genauso klar formuliert.
Der Ukraine-Krieg ist ein Krieg in Europa. Aber er ist längst Teil einer größeren Verschiebung der internationalen Machtverhältnisse. Russland versucht, seinen Platz als Großmacht zu behaupten. China baut seine Macht aus. Amerika richtet seinen Blick zunehmend nach Asien. Und Europa übernimmt einen größeren Teil der Verantwortung für seine eigene Sicherheit.
Vielleicht wird man deshalb später nicht nur fragen, wer diesen Krieg gewonnen oder verloren hat. Vielleicht wird die entscheidendere Frage sein, ob Europa in dieser neuen Weltordnung seine eigenen Interessen erkannt hat.
Denn wer seine eigenen Interessen nicht kennt, übernimmt irgendwann die Interessen anderer, und hält sie dann für seine eigenen.
Während wir nach Osten schauen, schaut Amerika längst nach China.