Zehn Jahre Stillstand: Wie Deutschland seine wirtschaftliche Stärke verspielt hat
Deutschland steht 2026 vor einer einfachen, aber unbequemen Tatsache. Die deutsche Wirtschaft produziert real kaum mehr als vor zehn Jahren.
Gleichzeitig sind die Preise massiv gestiegen, die industrielle Wettbewerbsfähigkeit steht unter Druck und die zentralen Standortprobleme bleiben ungelöst.
Der internationale Vergleich verschärft den Befund deutlich. Ich habe hier nur einige Länder herausgesucht, innerhalb Europas fällt die Bilanz erschreckend aus. Die USA haben ihre reale Wirtschaftsleistung seit 2015 deutlich stärker gesteigert. Polen und mehrere kleinere europäische Volkswirtschaften weisen ebenfalls wesentlich höhere Wachstumsraten auf. Deutschland gehört dagegen zu den Schlusslichtern unter den großen europäischen Volkswirtschaften. Ich möchte das hier nicht provokativ herausstellen, obgleich es im Vergleich wichtig ist.
| Bereich | Entwicklung 2015–2026 | Wirtschaftspolitische Bewertung |
|---|---|---|
| 🇩🇪 Reales BIP Deutschland | +8,06% | Schwaches Wachstum |
| 🇺🇸 Reales BIP USA | +29,20% | Deutlich höhere Dynamik |
| 🇵🇱 Reales BIP Polen | +45,22% | Sehr hohe Dynamik |
| 🇩🇪 Preisniveau Deutschland | +36,59% | Starker Kaufkraftverlust |
| 🇺🇸 Preisniveau USA | +40,49% | Ebenfalls hohe Inflation |
| 🇩🇪 Arbeitskosten/Abgaben | sehr hoch | Belastung für Beschäftigung und Unternehmen |
| 🇩🇪 Öffentliche Investitionen | struktureller Nachholbedarf | Infrastrukturdefizit |
| 🇩🇪 Bürokratie | hohe Belastung | Bremse für Investitionen |
| 🇩🇪 Energiepreise | über Vorkrisenniveau | Belastung für Industrie |
| 🇩🇪 Industrie | struktureller Druck | Wettbewerbsfähigkeit gefährdet |
| 🇩🇪 Leistungsbilanz | weiterhin Überschuss | Stärke, aber rückläufige Dynamik |
Quellen: IMF World Economic Outlook, OECD Economic Surveys Germany, Destatis, Deutsche Bundesbank. 2026 enthält Prognosewerte. Die BIP-Indizes werden aus den jährlichen realen Wachstumsraten berechnet; die Preisindizes aus den jährlichen Verbraucherpreisveränderungen.
Ein politisches Problem wird zum Standortproblem
Die Schwäche beginnt nicht erst mit der Energiekrise. Darauf hatte ich in den letzten 10 Jahren immer wieder hingewiesen. Bereits vor Corona verlangsamte sich das deutsche Produktivitäts- und Potenzialwachstum. Die OECD verweist auf geringe Investitionen, schwache Unternehmensdynamik, demografische Belastungen und regulatorische Hemmnisse. Für mich bleibt nach wie vor der Eindruck einer bewussten Fehlsteuerung.
Die Politik reagierte lange mit einer Mischung aus Umverteilung, Regulierung und Einzelprogrammen, statt die strukturellen Voraussetzungen für Wachstum grundlegend zu verbessern.
Das Ergebnis zeigt sich heute in der Produktivität. Deutschland verfügt weiterhin über hochqualifizierte Beschäftigte, hervorragende Forschungseinrichtungen und starke Unternehmen. Und das, obwohl jährlich derzeit rund 250 tsd. Spezialisten das Land verlassen. Gleichzeitig entstehen neue Wachstumsunternehmen wesentlich seltener als in den USA. Genehmigungen dauern zu lange, digitale Verwaltungsverfahren bleiben hinter anderen Industrieländern zurück und Investitionen scheitern häufig an regulatorischen Hürden. Wir ersticken im Bürokratismus.
Energiepolitik: Klimaziele ohne ausreichende Standortperspektive
Der Ausbau erneuerbarer Energien sehen manche als einen Erfolg. Das Problem liegt aber in der Gesamtarchitektur der Energiepolitik. Deutschland erhöhte seine Abhängigkeit von russischem Gas über Jahre erheblich und beendete gleichzeitig die Kernenergienutzung. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine musste die Energieversorgung innerhalb kürzester Zeit neu organisiert werden, weil unsere Politik der Auffassung war, Putin schwächen zu müssen.
Die Versorgungssicherheit blieb zwar erhalten, der Preis dafür waren jedoch irrsinnig hohe Kosten. Die USA standen förmlich wie bestellt bereit.
Für energieintensive Unternehmen zählen Strom- und Gaspreise nach wie vor zu den wichtigsten Standortfaktoren. Eine Industriepolitik, die gleichzeitig Dekarbonisierung, Elektrifizierung und steigende Energiekosten verlangt, benötigt besonders günstige und verlässliche Energie. Genau diese Kombination fehlt weiterhin.
Damit wurde aus einem energiepolitischen Zielkonflikt ein Schuss ins Knie und ein eigener industrieller Standortkonflikt.
Migration und Arbeitsmarkt: mehr Beschäftigung reicht nicht
Deutschland hat die Beschäftigung auf ein Rekordniveau gebracht. Das mag, unberücksichtigt der Tatsache der Abwanderung von Fachkräften, ein Erfolg sein.
Gleichzeitig jedoch altert die Gesellschaft schnell. In den kommenden Jahren verlassen große und tatkräftige Jahrgänge den Arbeitsmarkt. Die Fachkräftezuwanderung aus dem Ausland, kompensiert diesen Effekt aber nur teilweise.
Entscheidend ist deshalb nicht allein die Zahl der Zuwanderer, sondern die Zahl der tatsächlich Beschäftigten, ihre Qualifikation und ihre Wertschöpfung.
Die hohe Belastung von Arbeit verschärft das Problem extrem. Deutschland gehört bei den Abgaben auf Arbeit zu den OECD-Ländern mit den höchsten Belastungen. Dadurch sinken die Anreize für zusätzliche Arbeit und für Investitionen in Beschäftigung. Die ausländische Konkurrenz rennt uns sichtbar davon.
Eine nachhaltige Arbeitsmarktpolitik sollte stärker auf Beschäftigung, Qualifikation, Leistung und Eigenverantwortung setzen.
Der Staat investiert zu wenig dort, wo Wachstum entsteht
Deutschland verfügt über sehr hohe private Vermögen, gleichzeitig weist die öffentliche Infrastruktur durch Fehlinvestitionen erhebliche Defizite auf.
Schienen, Brücken, Straßen, Schulen, Netze und digitale Verwaltung benötigen massive Modernisierung. Die OECD sieht hier einen erheblichen zusätzlichen Investitionsbedarf.
Das Problem besteht nicht nur in fehlendem Geld. Es besteht vor allem in langsamen Planungs- und Genehmigungsverfahren und einer Vielzahl miteinander konkurrierender staatlicher Prioritäten. Die zentrale wirtschaftspolitische Aufgabe lautet deshalb:
Weniger konsumtive Ausgaben, mehr Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Energie und Technologie.
Das Exportmodell Deutschland verliert seine alten Vorteile
Deutschland verdankt einen erheblichen Teil seines Wohlstands seiner Industrie und seinen Exporten. Dieses Modell funktioniert weiterhin schleppend, aber nicht mehr unter den alten Bedingungen.
China ist vom Absatzmarkt zunehmend zum ernsten Wettbewerber geworden. Die USA ziehen mit massiven Subventionen und günstigerer Energie Investitionen an. Gleichzeitig verändern Elektromobilität, Digitalisierung und künstliche Intelligenz die industrielle Wertschöpfung. Deutschland muss deshalb seine Wettbewerbsfähigkeit nicht durch immer neue Subventionen sichern, sondern durch bessere Standortbedingungen.
Dazu gehören:
- wettbewerbsfähige Energiepreise,
- niedrigere Abgaben auf Arbeit,
- schnellere Genehmigungen,
- weniger Bürokratie,
- leistungsfähige Infrastruktur,
- bessere Bildung,
- mehr private Investitionen,
- technologischer Wettbewerb,
- verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen.
Die Leistungsbilanz darf nicht über die Schwächen hinwegtäuschen
Deutschland erzielte 2025 trotz allem einen Leistungsbilanzüberschuss von rund 4,5% des BIP. Das zeigt, dass die deutsche Wirtschaft international weiterhin erhebliche Stärke besitzt. Der Überschuss darf jedoch nicht mit gesunder Dynamik verwechselt werden. Ein Land kann gleichzeitig hohe Exportüberschüsse und schwaches Binnenwachstum haben. Genau diese schädliche Kombination prägt Deutschland zunehmend.
Der entscheidende Maßstab lautet deshalb nicht mehr nur: Wie viel exportiert Deutschland?
Sondern: Wie stark steigen Produktivität, Reallöhne, Investitionen und Lebensstandard?
Bei diesen Kennzahlen fällt die Bilanz erschreckend ernüchternder aus.
Die Bilanz nach zehn Jahren
| Politikfeld | Bilanz | Hauptproblem |
|---|---|---|
| Industrie | 🔴 | Wettbewerbsfähigkeit verliert an Boden |
| Energie | 🔴 | Kosten und Versorgungssicherheit |
| Infrastruktur | 🔴 | Investitionsstau |
| Digitalisierung | 🔴 | Staat und Unternehmen zu langsam |
| Bürokratie | 🔴 | Hohe regulatorische Belastung |
| Steuern/Abgaben auf Arbeit | 🔴 | Geringe Arbeitsanreize |
| Demografie | 🔴 | Alterung und Fachkräftemangel |
| Migration/Integration | 🟠 | Beschäftigungspotenzial nicht ausgeschöpft |
| Innovation | 🟠 | Forschung stark, Kommerzialisierung schwächer |
| Beschäftigung | 🟢 | Rekordniveau |
| Exportwirtschaft | 🟠 | weiterhin stark, aber strukturell unter Druck |
| Staatsfinanzen | 🟠 | lange zu stark auf Konsolidierung fokussiert |
| Erneuerbare Energien | 🟢 | deutlicher Ausbau |
| Krisenmanagement 2020–22 | 🟢 | Stabilisierung und schnelle Energie-Diversifizierung |
Die eigentliche Lehre
Deutschland fehlt nicht die wirtschaftliche Substanz. Deutschland fehlt ein vernünftiger, solider politischer Rahmen, der diese nach wie vor vorhandene Substanz wieder in Wachstum, Produktivität und Wohlstand verwandelt.
Die vergangenen zehn Jahre zeigen uns ein immer wiederkehrendes Muster:
Probleme werden erkannt, aber zu langsam oder überhaupt nicht gelöst. Die immerwährende Regulierung wächst schneller als unsere Infrastruktur. Mutmaßliche Energieziele wachsen schneller als die verfügbare günstige Energie. Der Staat verteilt umfangreiche Mittel für blanken Unsinn, während Unternehmen gleichzeitig über hohe Kosten und Bürokratie klagen.
Die nächste Dekade braucht deshalb nach meiner Meinung einen klaren Prioritätenwechsel:
Wachstum vor Verwaltung, Investitionen vor Konsum, Wettbewerb vor Subventionen, Leistung vor Umverteilung und Standortpolitik vor Symbolpolitik.
Deutschland besitzt weiterhin hervorragende Voraussetzungen. Aber diese Voraussetzungen sind kein Naturgesetz. Wohlstand entsteht nicht dadurch, dass ein erfolgreicher Industriestandort seine Vergangenheit verwaltet. Er entsteht durch Produktivität, Investitionen, Innovation, Arbeit und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Wir alle sollten und mal rational anschauen, was die Prioritäten sind um erfolgreich zu sein, und genau da unser Geld investieren.
Die Bilanz der vergangenen zehn Jahre ist deshalb weder ein kompletter wirtschaftlicher Zusammenbruch noch ansatzweise eine Erfolgsgeschichte.
Sie ist vor allem eine traurige Bilanz verlorener Wachstumschancen, geprägt von unsinnigen, ideologisch geprägten, politischen Entscheidungen.
So sehe ich das!