"Wir fahren alle die falschen Porsche.“
Diesen Satz hat vermutlich jeder schon einmal gehört, der mit seinem Porsche irgendwo länger als fünf Minuten geparkt hat.
An der Tankstelle. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Beim Treffen. Oder beim Sonntagsausflug über die Landstraße.
Er liegt praktisch immer irgendwo in der Luft, zusammen mit dem Duft von Motoröl, warmen Bremsen und frisch poliertem Lack.
Denn es gibt eine ungeschriebene Regel in der Porsche-Welt:
Egal, welchen Porsche du fährst, irgendein Enthusiast wird dir früher oder später erklären, warum es nicht der richtige ist.
Und das Beste daran?
Er meint es meistens vollkommen ernst.
Doch warum ist das eigentlich so?
Nun, die Porsche-Welt ist ein bisschen wie ein gigantisches Süßwarenregal. Es gibt unzählige Varianten, Geschmacksrichtungen und persönliche Favoriten.
Für nahezu jeden Charakter, jeden Einsatzzweck und jede Leidenschaft gibt es den passenden Porsche.
Aber der Kritiker neben dir kennt natürlich nur einen wirklich richtigen.
Und der steht, welch überraschender Zufall, meistens in seiner eigenen Garage.
Am Anfang war der 356
Beginnen wir beim Urvater: dem Porsche 356.
Klein, rund, charmant und heute mit einer Aura versehen, die man kaum erklären muss. Der 356 ist ein bisschen wie der Großvater auf dem Familienfest, der die besten Geschichten erzählt und sich nicht darum schert, ob alle zuhören.
Wer heute einen 356 fährt, genießt automatisch Respekt. Schließlich fährt man nicht einfach nur ein altes Auto, man fährt ein Stück Porsche-Geschichte.
Aber natürlich dauert es nicht lange, bis die Diskussion beginnt.
"Ein echter Porsche? Natürlich. Aber der 911 ist doch eigentlich der wahre Porsche.“
Und schon geht es los.
Dann kam der 911, und mit ihm die Meinungen
Seit 1963 rollt der 911 in unzähligen Varianten über die Straßen dieser Welt. Carrera, Turbo, Targa, Cabriolet, GTS, GT3, GT2, RS, und jede Generation hat ihre eigene Fangemeinde.
Das Problem ist nur:
Nicht jeder 911 ist für jeden ein echter 911.
Für manche beginnt die Wahrheit beim luftgekühlten Elfer und endet 1998.
Alles danach?
Zu groß.
Zu schwer.
Zu viel Elektronik.
Zu komfortabel.
Und plötzlich sitzt du in deinem wunderschönen 991 Carrera S, mit mehr Rechenleistung als die Mondlandung vermutlich hatte, und fragst dich, ob du gerade wirklich einen Porsche fährst, oder versehentlich ein sehr schnelles Smartphone mit Ledersitzen.
Andere wiederum lieben genau diese Entwicklung.
Mehr Leistung, mehr Komfort, bessere Fahrbarkeit, bessere Bremsen und ein Auto, das man nicht nur bewundern, sondern auch problemlos im Alltag fahren kann.
Und genau da beginnt das Problem:
Beide haben irgendwie recht.
Was natürlich die Diskussion nicht im Geringsten beendet.
Der Mythos vom "letzten echten Porsche“
Besonders interessant ist übrigens der Begriff vom "letzten echten Porsche“.
Dieses Modell gibt es erstaunlicherweise schon seit Jahrzehnten.
Jede Generation hat ihren eigenen letzten echten Porsche.
Für die einen war es der 993.
Für andere der 997.
Und irgendwo sitzt wahrscheinlich gerade jemand und erklärt seinem Nachwuchs, dass der aktuelle 911 zwar technisch hervorragend sei, aber eben nicht mehr so sei wie früher.
Das Schöne daran?
In zwanzig Jahren wird vermutlich genau dieser aktuelle 911 plötzlich als einer der letzten echten Porsche gelten.
Denn die Zeit hat eine erstaunliche Fähigkeit:
Sie verwandelt viele "falsche Porsche“ irgendwann in Legenden.
Der Motor sitzt immer am falschen Ende
Und dann ist da natürlich noch die Frage nach dem Motor.
Heckmotor? Natürlich Porsche.
Mittelmotor? Auch Porsche.
Frontmotor?
Da wird es schon schwieriger.
V8?
"Das ist doch kein richtiger Porsche!“
Wassergekühlt?
"Früher war alles besser.“
Turbo?
"Nimmt dem Sauger den Charakter.“
Elektro?
"Wo ist denn da überhaupt der Motor?“
Am Ende stellt man fest: Porsche hat über die Jahrzehnte erstaunlich viele Möglichkeiten gefunden, den angeblich falschen Porsche zu bauen.
Und war damit ziemlich erfolgreich.
GT: Der Porsche für die, denen normale Porsche zu normal sind
Wer Geschwindigkeit liebt, landet früher oder später bei den GT-Modellen.
GT3.
GT3 RS.
GT2 RS.
Schneller, lauter, kompromissloser.
Für viele ist das die reinste Form der Porsche-DNA: Rennstrecke für die Straße.
"Das ist ein echter Porsche!“, heißt es dann.
Bis sich irgendwo ein Luftkühler-Fahrer räuspert.
"Ja, aber früher ...“
Und jeder Porschefahrer weiß:
Wenn ein Satz mit "Ja, aber früher ...“ beginnt, ist die Diskussion noch lange nicht vorbei.
Dann geht es um Gewicht, Lenkgefühl, Mechanik, Sound, Handschaltung und natürlich um das berühmte Argument, dass ein Porsche früher noch nach "echtem Porsche“ gerochen habe.
Was auch immer das genau gewesen sein soll.
Vermutlich eine Mischung aus Benzin, Öl, Leder und leichtem finanziellen Risiko.
Handschaltung, PDK und die Felgenfrage
Und selbst wenn man sich endlich darauf geeinigt hat, welches Modell ein echter Porsche ist, beginnt die nächste Diskussion.
Handschaltung oder PDK?
Schalensitze oder Komfortsitze?
Heckantrieb oder Allrad?
Keramik oder Stahl?
Sportabgasanlage oder lieber dezent?
Und natürlich die vielleicht wichtigste Frage überhaupt:
Warum hat er diese Felgen?
Es ist erstaunlich, wie viele Porsche-Freundschaften an einer Optionsliste auf die Probe gestellt werden können.
Und dann kam der Taycan
Dann wurde es elektrisch.
Der Taycan kam, und mit ihm eine Diskussion, die wahrscheinlich noch Generationen beschäftigen wird.
Kein Boxerklang.
Kein Benzingeruch.
Keine klassische Drehzahlorgie.
Dafür sofortiges Drehmoment, brutale Beschleunigung und Fahrleistungen, die selbst eingefleischte Verbrennerfahrer kurz sprachlos machen können.
Für die einen ist der Taycan der Porsche der Zukunft.
Für andere fühlt sich die Sache ungefähr so an, als hätte jemand beim Sonntagskaffee plötzlich die Sahne durch Hafermilch ersetzt und behauptet, es schmecke eigentlich genauso.
Aber auch hier gilt:
Der Taycan fährt sich wie ein Porsche.
Nur eben auf seine eigene Art.
Und plötzlich sitzen 356-Fahrer, Luftkühler-Enthusiasten, GT3-Besitzer und Taycan-Fahrer an einem Tisch und diskutieren darüber, wer von ihnen eigentlich noch den "richtigen“ Porsche fährt.
Eine Diskussion, bei der vermutlich alle gewinnen könnten.
Wenn sie nur damit aufhören würden, sich gegenseitig überzeugen zu wollen.
Der Porsche-Parkplatz-Effekt
Besonders deutlich wird das alles bei Porsche-Treffen.
Man fährt hin und ist stolz auf sein Auto.
Dann parkt links ein GT3.
Rechts ein luftgekühlter Elfer.
Gegenüber ein seltenes Sondermodell.
Und plötzlich sieht der eigene Porsche, den man auf der Hinfahrt noch für das schönste Auto der Welt gehalten hat, irgendwie erstaunlich gewöhnlich aus.
Bis jemand Neues auf den Parkplatz fährt.
Dann drehen sich plötzlich alle um.
Und für einen kurzen Moment ist man wieder sehr froh, dass der eigene Porsche wenigstens nicht der Neue ist, über den jetzt alle diskutieren.
Cayenne, Macan und der praktische "Fehler“
Natürlich dürfen wir die großen schwarzen Schafe der Familie nicht vergessen.
Cayenne und Macan.
SUVs.
Von Porsche.
Allein diese Kombination sorgt bei manchen Traditionalisten noch heute für leicht erhöhten Puls.
"Ein Porsche im Gelände?“
Ja.
Warum eigentlich nicht?
Denn irgendwann stellt man fest, dass es durchaus angenehm sein kann, wenn der Hund mitkommt.
Oder die Kinder.
Oder drei Getränkekisten.
Oder alles gleichzeitig.
Und plötzlich ist der "falsche Porsche“ derjenige, der am besten zum eigenen Leben passt.
Man muss ihn nicht auf der Rennstrecke bewegen.
Man muss nicht jeden Morgen erst den Motor auf Betriebstemperatur bringen.
Man kann einfach einsteigen, losfahren, und trotzdem Porsche fahren.
Manchmal ist der falsche Porsche eben erstaunlich praktisch.
Und manchmal ist genau das der Grund, warum er der richtige ist.
Der Porsche, den wir hätten behalten sollen
Und Hand aufs Herz:
Wie viele von uns haben nicht schon einmal gesagt:
"Wenn ich damals nur ...“
Wenn ich damals den 993 gekauft hätte.
Wenn ich den GT3 behalten hätte.
Wenn ich nicht gedacht hätte, dass der 997 Turbo schon teuer genug sei.
Wenn ich den alten 911 nicht verkauft hätte.
Die Porsche-Geschichte ist vermutlich auch die Geschichte von Autos, die wir heute gerne zurückkaufen würden.
Zu Preisen, bei denen wir uns dann doch lieber an sie erinnern.
Das ungeschriebene Porsche-Gesetz
Vielleicht gibt es deshalb auch ein ungeschriebenes Porsche-Gesetz:
Der beste Porsche ist immer der, den man selbst fährt.
Der zweitbeste ist der, den man sich als Nächstes kaufen möchte.
Alle anderen sind Gegenstand einer ausführlichen Diskussion.
Am Ende ist es ganz einfach
Die Wahrheit ist vermutlich:
Es gibt keinen falschen Porsche.
Es gibt nur unterschiedliche Vorstellungen davon, was einen Porsche ausmacht.
Für den einen ist es der luftgekühlte Boxer hinter der Hinterachse.
Für den anderen der kompromisslose GT3.
Für den nächsten der perfekte Roadster für den Sonntagmorgen.
Und für wieder andere ist es die lautlose Beschleunigung eines Taycan oder die Möglichkeit, mit der ganzen Familie im Cayenne zu verreisen.
Jeder Porsche erzählt seine eigene Geschichte.
Und jeder Fahrer hat seine eigene Vorstellung davon, warum genau sein Modell das richtige ist.
Vielleicht ist genau das auch das Schöne an dieser Marke.
Wir diskutieren über Luft gegen Wasser.
Über Sauger gegen Turbo.
Über Handschaltung gegen PDK.
Über Benzin gegen Batterie.
Über Heckantrieb gegen Allrad.
Über Klassiker gegen Zukunft.
Und am Ende stehen wir doch alle auf demselben Parkplatz und schauen uns gegenseitig unsere Autos an.
Natürlich mit kritischem Blick.
Und natürlich mit der festen Überzeugung, dass der andere eigentlich den falschen Porsche gekauft hat.
Aber vielleicht ist genau das Teil des Spiels.
Denn ohne diese Diskussionen wäre die Porsche-Welt vermutlich ein ganzes Stück langweiliger.
Also, wenn du das nächste Mal jemanden hörst, der dir erklärt, warum dein Porsche nicht der „richtige“ ist, dann lächle einfach.
Schau auf dein Auto.
Steig ein.
Dreh den Schlüssel.
Oder drück den Startknopf.
Und denk daran:
Wir fahren alle die falschen Porsche.
Und genau deshalb macht es so verdammt viel Spaß.
Brummm ... 😄